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2017/ Zehn Jahre

Ein unsichtbares Symptom

Zehn Jahre Multiple-Sklerose-Kontaktgruppe in Rotenburg

Ein Schnappschuss von der Feier zum zehnjährigen Bestehen. In ihrer Mitte haben Claudia Hoops (l.) und Angela Koberg (r.) Waltraut Heus von der DMSG-Beratungsstelle in Winsen begrüßt.

Rotenburg - Von Inken Quebe. MK kreiszeitung.de

Angela Koberg findet die Bezeichnung eigentlich abgenutzt. Multiple Sklerose (MS) gilt nämlich als Krankheit mit den tausend Gesichtern. „Aber es ist wahr“, sagt die 49-jährige Elsdorferin. Denn das Bild, das viele im Kopf haben, von einem Menschen im Rollstuhl, entspricht nicht der Wahrheit. Die chronisch-entzündliche Erkrankung kann sich vielmehr in vielfältigen Symptomen äußern. Um Betroffenen und Angehörigen eine Anlaufstelle zu bieten, hat Angela Koberg vor zehn Jahren die MS-Kontaktgruppe in Rotenburg ins Leben gerufen.

Als Elsdorferin war Angela Koberg damals bereits in einer Gruppe im angrenzenden Zeven. Schließlich ist Waltraut Heus von der Winsener Beratungsstelle der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft auf sie zugekommen: „Es gibt in Rotenburg noch keine Gruppe. Können Sie sich vorstellen, die mit zu gründen?“ Und Koberg konnte und fand gleich Zuspruch bei ihrem Mann. „Das ist genau das, was dir gefehlt hat“, sagt der damals. Koberg selbst lebt seit 18 Jahren mit der Diagnose, kennt die Sorgen und Unsicherheiten, mit denen MS-Betroffene gerade am Anfang kämpfen, aus eigener Erfahrung.

Sie erzählt von einer Begegnung in einer Apotheke, in der sie noch recht früh nach der Diagnose über die Krankheit informiert hat. Sie traf auf eine ältere Frau im Rollstuhl, die ebenfalls von ihrer MS-Erkrankung berichtete. Koberg verunsicherte dieser Anblick – und das wohl auch für die Dame spürbar. „Und dann erzählt sie mir, dass sie wegen ihrer Hüfte im Rollstuhl sitzt. Das hat mich unheimlich erleichtert“, erinnert sich die 49-Jährige.

Während das erste Treffen der Kontaktgruppe 2007 in den Räumen eines Arztes stattfand, entstand über Claudia Hoops, die ebenfalls zum Leitungsteam der Gruppe gehört, der Kontakt zur Auferstehungsgemeinde Rotenburg. Seitdem ist der Treffpunkt im dazugehörigen Gemeindezentrum jeden zweiten Dienstag im Monat um 19 Uhr. Barrierefrei und mit Parkplatz vor dem Haus. Zu den Treffen kommen 20 bis 25 Leute im Alter von 25 bis 70 Jahren. Zwar sind insgesamt mehr Frauen von MS betroffen, in der Kontaktgruppe halten sich die Geschlechter aber die Waage.

Im Fokus stehen Austausch und Begegnung, sagt Koberg. „Informationen bekommt jeder überall in Hülle und Fülle. Doch das Gespräch mit einem ,Gegenüber‘ sind durch nichts zu ersetzen“, heißt es auch auf dem Flyer der Gruppe. Das hängt nicht zuletzt mit der Vielfältigkeit der Krankheit zusammen. Das merkt auch Angela Koberg. „Wenn ich erzähle, dass ich Rentnerin bin, sorgt das häufig für Verwirrung. ,Du bist doch fit‘, heißt es dann“, sagt sie. „Man kann einem Gesunden einfach sehr schlecht erklären, dass man krank ist.“ Sie nennt das Geheimnis hinter der Krankheit, die ihren Ursprung im Gehirn und Rückenmark und entgegen des Vorurteils nichts mit Muskelschwund zu tun hat, die „Fatigue“. Die chronische Müdigkeit, ein häufiges, aber unsichtbares Symptom. „Gesunde Menschen wachen morgens auf und fühlen sich meistens fit, der Akku ist voll. An manchen Tagen habe ich nur 70 Prozent im Akku“, erklärt sie. In der Gruppe kann sie mit den anderen Betroffenen darüber reden. „Alles ist absolut vertraut und bleibt unter uns. Es gibt einen herzlichen und freundschaftlichen Umgang“, sagt sie.

Weil eben nicht jeder unter den gleichen Symptomen der unheilbaren Krankheit leidet, ist MS kaum zu durchschauen. „Es ist nichts vorhersehbar“, erklärt Koberg und beschreibt, dass jemand einen sogenannten Schub haben könnte, danach wird die Diagnose gestellt. „Und danach hat dieser Mensch nie wieder Einschränkungen“, sagt sie. Manche aus der Gruppe arbeiten sogar in Vollzeit. Es kann also sowohl bergab als auch bergauf gehen. Krankengymnastik, neue Medikamente, Ergo- und Psychotherapie – es gebe viele Möglichkeiten, die Situation der Erkrankten zu verbessern. Gerade weil die Psyche sehr wichtig ist, findet Koberg den Austausch besonders wichtig: „Ein Gruppenmitglied hat mal gesagt: Ich brauche keinen Psychologen. Ich habe ja die Gruppe. Das fand ich sehr schön.“